Grußwort des Oberbürgermeisters Dr. Schulte-Wissermann

aus Anlass des Festaktes zum 200jährigen Bestehen des Casino zu Coblenz

1. Meine sehr verehrten Damen und Herren,

In seiner Rhetorik unterscheidet Aristoteles drei Arten von Reden.

Erstens die beratende Rede. Sie wendet sich an Hörer, die über Zukünftiges zu entscheiden haben und zwar nach dem Maßstab: nützlich oder schädlich. Der wichtigste Ort solcher Reden: die Volksversammlung, wir dürfen frei übersetzen: das Parlament.

Zweitens die beurteilende Rede. Die wendet sich an Hörer, die Vergangenes zu beurteilen haben, und zwar nach dem Maßstab: gerecht und ungerecht. Der wichtigste Ort: das Gericht. Und drittens, gar nicht so einfach zu übersetzen, die zeigende Rede (epideiktikon genos). Sie wendet sich an Hörer, die lediglich betrachten wollen, nämlich lobend das Schöne und tadelnd das Schlechte. Aristoteles sagt nicht, wo sie ihren Platz habe, aber wir wissen es aus anderen Zusammenhängen: die Lobreden hatten ihren Platz im Symposion, wenn an des Abends Kühle nach des Tages Geschäften man bei üppigen Speisen und Getränken zu Tische lag. Insofern sind wir hier in der Rhein-Mosel-Halle, der „guten Stube unserer Stadt“, wie sie oft genannt wird, vielleicht ganz richtig arrangiert, denn ich möchte eine Lobrede halten.

Das Geburtstagskind, dessen Vorzüge ich herausstellen will, wurde am 6. Januar zweihundert Jahre alt: Das von Koblenzer Bürgern gegründete Casino zu Coblenz.


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Institution Casino ist trotz einer bewegenen Geschichte bis zum heutigen Tage ein Forum für die Bürger unserer Stadt geblieben, die beeindruckende Mitgliederzahl von rund 400 Persönlichkeiten unserer Stadt belegt dies.

Als sich nicht weniger als 90  Koblenzer Persönlichkeiten vor 200 Jahren trafen, hatten sie im Sinn, eine Bürgergesellschaft zu gründen. Im zweiten Band der von der EVM mit unserer ehemaligen Kulturdezernentin Frau Ingrid Batori herausgegebenen „Geschichte der Stadt Koblenz“ steht dazu (S.45): Die Casino-Gesellschaft bildete einen Ort der geselligen Begegnung, die vom Geist der Freiheit, Urbanität und Einheit“ gekennzeichnet sein sollte.“ Zitat Ende. Dies ist den Mitgliedern in all den Jahren seit der Gründung gelungen.
Ich sprach davon, dass die Gründungsgesellschaft, der damals nahezu alle bedeutenden Akademiker, Beamten, Kaufleute und Fabrikanten unserer Stadt angehörten –angeführt vom französischen Präfekten Lezay-Marnesia – die Absicht hatten, eine Bürgergesellschaft zu gründen.

Wie nun definiert man einen bürgerlichen Menschen? Um noch einmal mit Aristoteles zu sprechen: Ein bürgerlicher Mensch bekennt sich zu einem bestimmten Kanon von bürgerlichen Werten. Aristoteles zählte dazu Zuverlässigkeit, Gesetzestreue sowie die Auffassung, dass es zu den Verrichtungen eines vollständigen Lebens gehört, ein guter Staatsbürger zu sein. Nach dem großen Philosophen war aber ein bürgerlicher Mensch erst dann ein guter Staatsbürger, wenn er sich demokratisch definierte. Dies hat sicherlich auch heute noch seine Gültigkeit, auch wenn die Demokratie zu Lebzeiten von Aristoteles eine andere Form von Demokratie war: Sie kannte nicht die Teilung der Gewalten, sie hatte Sklaven, und das Wahlrecht war nur einer Minderheit vorbehalten. Es war keine Demokratie im heutigen Sinne, aber immerhin war es die Selbstbestimmung des Bürgertums. In seiner Dankrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises, die in seinem posthum erschienenen Essayband „Bürgerlichkeit als Lebensform“ abgedruckt ist, zitierte der Historiker und Publizist Joachim Fest den Philosophen Georg Lukacs: „Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben“. Zitat Ende. Man kann sagen, dass dieser Grundsatz seit jeher von den Mitgliedern der Casino-Gesellschaft verinnerlicht wird, die Ethik ist eine der wesentlichen Grundpfeiler in der Philosophie des Casinos. Eine weitere , wichtige Bürgertugend, nach der die Mitglieder der Casino-Gesellschaft immer gehandelt hben, ist laut dem Publizisten und Politikwissenschaftler Dolf Sternberger die Bescheidenheit. Ohne sie, so schrieb er einmal, sei kein Gemeinwesen vorstellbar.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, „Bürger“ zu sein, diese Lebensform zu verinnerlichen, war nie leicht in den vergangenen Jahrzehnten. So vereinte auch der Hass auf den Bürger die beiden großen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, der Kommunismus und der Nationalkommunismus. Das Casino zu Coblenz stand immer und steht in der Tradition des liberalen städtischen Bürgertums. Der von Dolf Sternberger propagierte Begriff des „Verfassungspatriotismus“ beschreibt treffend die Einstellung der Mitglieder der Casino-Gesellschaft, nämlich die Identifikation des Bürgers mit der politischen Kultur eines demokratischen Rechtsstaates. Bürgertum ist das Leben in geordneter Freiheit.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Casino zu Coblenz haben sich seit jeher Bürger, oder bürgerliche Menschen zusammengefunden, die sich um die kulturellen und bildungspolitischen Angelegenheiten hier in unserer Stadt Koblenz bekümmerte und Kultur und Bildung nicht bloß als –um Andreas Pecht in einem Aufsatz in der Festschrift zu zitieren – „unterhaltsame Zerstreuung, sondern als Instrumente  zum Weltverständnis und für zivilisierte Menschen unverzichtbare Lebensmittel.“ Mit ihren zahlreichen Aktivitäten in diesen wichtigen Bereichen hat die Casino-Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten viel Positives hier in Koblenz bewirkt. Übrigens waren fast alle Gründungsmitglieder unseres Musik-Institutes, dessen 200-Jahr –Feier wir hier an gleicher Stelle am 31. Mai begehen konnten, Mitglieder des Casino zu Coblenz. Das Musik-Institut wird heute zu Recht als älteste kulturelle Bürgerinitiative am Mittelrhein bezeichnet. Auch heute noch prägt die Casino-Gesellschaft das kulturelle Leben in unserer Stadt: Herausgreifen möchte ich an dieser Stelle das Casino-Forum, das seit vielen Jahren ein wichtiges Highlight im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt ist. Auch der alljährlich im Januar stattfindende Casinoball ist ein absolutes Topereignis in Koblenz. Das Casino ist auch sonst ein fester Bestandteil des reichen Kultur- und Gesellschaftslebens in Koblenz. Dies belegen gemeinsame Veranstaltungen mit dem Koblenzer Jugendtheater, der Kulturfabrik, dem Koblenzer Stadttheater, der Musikschule, den Koblenzer Museen, der Universität Koblenz-Landau und vielen anderen. Als OB dieser Stadt danke ich Ihnen dafür herzlich.

2. Mit Aristoteles begann ich, mit ihm möchte ich auch schließen: „Jahre lehren mehr als Bücher“, sagte er.

In der Tat: Im Casino zu Koblenz haben sich in den vergangenen 200 Jahren christliches Ethos und Bürgertugend, tiefe Bildung und intellektuelle Redlichkeit, konservative Skepsis und weltbürgerliche Liberalität zu einem wahrhaft lebendigen Geist verbunden. Dass dieser Geist noch lange hier in unserer Stadt weht, dass wünsche ich mir. Ich wünsche dem Casino zu Coblenz eine lange und erfolgreiche Zukunft.

Ad multos annos!